Aunty und der Exhibitionismus – Kunst und Integrität

Zurück in der Zeit als Deine Aunty ein 13jähriger Teenie war, hatte sie eine sehr interessante Begegnung.  Teenie-Aunty hatte ihr Fahrrad vergessen und ging mit einer Schulfreundin zurück zur Schule, um es dort zu holen. Im Gespräch vertieft, schnappt sie sich das Fahrrad, die Freundin setzt sich auf den Gepäckträger und Teeny-Aunty radelt los.

Nichts ahnend blicke ich zum Schulhauseingang, auf wessen Vorplatz ein Mann steht. Er trägt ein Kopftuch und Sonnenbrille. Und so entspannt wie Aunty radelt, so entspannt stand er da, mit heruntergelassener Hose und masturbierend.

Nicht darauf vorbereitet, fahre ich in Zeitlupe weiter, bis meine Freundin und ich zu kreischen beginnen und ich einen Zahn zulege. So passiert es, dass Aunty zum ersten Mal einen masturbierenden Mann sieht. Wir rufen die Polizei und wurden befragt. Der Polizist möchte wissen, ob wir seinen «Freund» gesehen haben. Unsere Antwort: «Nein, er stand allein da.» Diese Ergänzung hierbei, um Auntys damalige Reife zu beschreiben.

Der Mann war ein Exhibitionist. Geschnappt wurde er nicht. Für Aunty blieb es eine gute Story, welche hin und wieder in einer lockeren Runde ausgepackt werden kann. Ich habe lange nicht daran gedacht, bis vor zwei Tagen etwas Interessantes geschieht.

Deine Aunty hatte die Möglichkeit, einen Artikel für eine Zeitung zu schreiben. Es war die Möglichkeit, ihre Geschichten in einem professionellen Umfeld zu verbreiten. Wahnsinn!

Doch Unsicherheiten plagten mich, wie der Juckreiz nach einer frischen Intimrasur. Folge ich weiter meiner Idee und meinem Weg? Wird sich der Sprachstil ändern? Betrete ich Terrain, in welchem ich sein will? Und während ich über die Lage nachdenke, erinnere ich mich an den Exhibitionisten. Ich möchte ihn Gugus nennen. Gugus, der Exhibitionist. Denn irgendwie sind Gugus und ich uns ähnlich.

Tadeusz Kantor, verstorbener Maler und Theaterregisseur, sagte in einem Interview von 1988, dass jeder Künstler/jede Künstlerin auf seine/ihre Weise exhibitionistisch ist. Mit jedem Stück Kunst, gibt man einen Teil von sich Preis. Kantor geht im Gedankenstrang weiter und sagt, Künstler/Künstlerinnen können im übertragenen Sinne mit Sexarbeiter/Sexarbeiterinnen verglichen werden. So wird betont, wie fragil die eigene Integrität in der Kunst ist.

So hat sich auch Gugus für eine Kunstaufführung entschieden, in welcher er seinen nicht-erigierten Penis zur Schau stellt. Ich stelle mir vor, wie er sich am besagten Morgen vorbereitet: Gugus steht auf, macht sich Spiegeleier zum Frühstück und geht eine Runde Joggen. Danach Duschen und frisch rasieren. Er will einen gepflegten Eindruck hinterlassen bei den Ladys. Kleine Hauptprobe vor dem Spiegel: Kopftuch sitzt, Sonnebrille ist montiert, Penis am Start. Er fühlt sich Bombe und setzt sich ins Auto. Musikalisch lässt er sich von keinem Geringeren als R. Kelly mit seinem Song «Ignition» unterstützen. Er fährt Richtung Schulhaus, da er die Erfahrung gemacht hat, dass sich sein Zielpublikum dort aufhält. Er parkiert sein Auto und erblickt zwei junge Mädchen. «Nice!», denkt er sich. Die Show kann gleich loslegen. So begibt sich Gugus in Startposition: Vorhang auf, Hose runter und der Auftritt steigt!

Gugus war ein Mann mit Überzeugung. Er hatte eine Vision und diese in seinem Stil umgesetzt, im Bewusstsein möglicher Konsequenzen. Gugus scheisst auf den Mainstream. Mögliches Trauma verursachen? Verhaftet werden? Ist Gugus egal. Seine Kunst. Seine Performance. Es ist die Selbstbestimmtheit, die erstaunlich ist. Er hat die Fäden, respektiv seinen Penis, fest in der Hand. Weisst Du wie viele Künstler sich eine solche Freiheit wünschen?!

Und auch ich bin mit persönlichem, sozialem Exhibitionismus konfrontiert. Denn offensichtlich will ich mich der Welt mitteilen. Und ich will meinen metaphorischen Penis auch selbst in der Hand halten, vom Anfang bis zum Schluss. So bleibt sich immer gut zu überlegen, für was oder wen Du Dich preisgibt und ob Du bereit bist, die Konsequenzen dafür zu tragen.

Wäre ich Gugus in einem Harry Potter- und Disneyuniversum begegnet, hätte ich meinen Zauberstaub auf ihn gerichtet mit den Worten «Ridiculus!». Sein Penis hätte sich in eine traurige Posaune verwandelt. Im Hintergrund tauchen die Pinguine von Merry Poppins auf, um wild um ihn herumzutänzeln. Sollte ich im echten Leben erneut auf einem Exhibitionisten treffen, werde ich stehen bleiben und ihm mit tosendem Applaus die Aufmerksamkeit geben, die er sich wünscht. Dies, um ihn so lange abzulenken, bis die Polizei eintritt.

Denn egal was Du machst, Deine Freiheit hört dort auf, wo eine andere beginnt. Und in Gugus`s Fall war es keine Kunst, sondern sexuelle Belästigung. Vollidiot.

In dem Sinne, stay safe and have fun.

Tadeusz Kantor (1990). Art Is a Kind of Exhibitionism. New Theatre Quarterly, 6, pp 64-69doi:10.1017/S0266464X00003985

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