Aunty And The One-Night-Standards – Mutter Teresa und Mars-Riegel

Im Frühsommer 2020 war ich in meiner Dating-Pause bei bald 9 Monaten angekommen. Dies ist der Zeitraum, welcher normalerweise mit einer Schwangerschaft in Verbindung gebracht wird. Bei mir war es der Moment, in welchem ich mir ernsthaft überlegte, ins Kloster einzutreten. Meine Arbeitskollegin fand dies keine gute Idee. Also schlug sie mir ein Date mit ihrem guten Freund Jean vor.

Jean hatte sich vor ein paar Monaten von seiner Freundin getrennt, mit welcher er 7 Jahre zusammen war. Meine erste Reaktion war «Nein». Ich war «out of the game». Ich hatte keinen Bock. Keine Lust jemanden kennen zu lernen und mich einen ganzen Abend anstrengen zu müssen. Mir war nach bequemer Trainerhosen shoppen und zu Hause bleiben. Ich war beim Stadium Mutter Teresa angekommen. Wobei sie weit bedeutenderes geleistet hatte, als sich einen neuen Jogger zu gönnen.

Das Gegenargument meiner Kollegin zum Klostereintritt: «Ich habe ihm Bilder von verschiedenen Single-Frauen gezeigt, die ich kenne. Dich findet er am hübschesten». Und tatsächlich hat dies gereicht, um mein Interesse zu wecken. Wow. Einfach nur «WOW»! Meine Dating-Kriterien waren auf ein Minimum reduziert worden. Die Kriterien, die darüber entscheiden, ob man A, sich mit jemandem treffen möchte, B, wie der Abend verlaufen wird und C, wie und ob man diese Person wieder sehen will.

Lana Otoya, ein Dating Coach, hat dies in fünf Punkten zusammengefasst. Diese beziehen sich auf Frauen, welche einen Mann daten möchten. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass die Liste universell gilt.

Erstens: Er hört Dir zu.

Zweitens: Er akzetpiert Dich, so wie Du bist.

Drittens: Du findest ihn lustig.

Viertens: Du findest ihn attraktiv genug.

Fünftens: Er hat die gleichen Lebensziele wie Du.

So sitze ich Jean in einer Bar gegenüber und er bestellt innerhalb kurzer Zeit drei Negroni. Ein alkoholhaltiger Cocktail. Eigentlich nicht sehr sexy bei einem ersten Date. Aber hey, er findet mich hübsch. Hübscher als andere. Nach meiner aktuellen Liste ein Hauptgewinn.

Jean hat einen hektischen, rastlosen Erzählstrang. Gemäss Otoya eine rote Flagge. Denn ich merke, dass es eigentlich egal ist, was ich erzähle. Doch mir war es recht. So musste ich mich weniger einbringen.

Er erzählt mir, dass er das Reisen nicht versteht. Er war noch nie länger als zwei Wochen weg und ist am liebsten in seiner Umgebung. Ein König der Nachbarschaft also. Ich bin sicher, in 10 Jahren hat er den schönsten Garten des Quartiers. Schade, ich würde gerne einmal verreisen. Aber okay, gehen wir weiter. Immerhin muss ich hin und wieder lachen. Er erfüllt zumindest Punkt 3 in Otoyas Anforderungsprofil. Doch hauptsächlich, weil er so hektisch erzählt, dass ich mich frage, ob er ADHS hat.

Ich frage mich auch, was ich hier eigentlich mache. Warum ich bei einem Date sitze, in welchem ich schon nach 30 Minuten weiss, dass nicht der Mann meines Lebens vor mir sitzt.

Bis es mir klar wird. Bis ich auf den einen, gemeinsamen Nenner zwischen mir und Jean komme. Das eine Kriterium, welches uns zusammenführt. Wir sind beide underfucked.

Er musste seinen Penis wieder mit einer Frau zum Einsatz bringen. Auch ich musste zurück ins Spiel. Wen interessiert jetzt Smalltalk über die Arbeit? Er hatte einen Samenstau des Todes, während ich überlege, ob ich mich später auf sein Gesicht setzen will. Was für eine wunderbare Ausgangslage!

Wie viele solcher Dates wird es wohl geben, nach Ende des Shutdowns? Ich werde mich das jedes Mal fragen, wenn ich ein Paar in einem Lokal sitzen sehen werde.

Doch zurück zum Date. Kennst Du diese alte Mars-Riegel-Werbung, in welcher ein Mann aufgrund seines gebrochenen Herzens ins Kloster eintreten will? Doch als er vor den Klostertoren steht, isst er ein Marsriegel und entscheidet sich dagegen?

Mein Date war der Moment, vor diesem Klostertor. In meinem Kopf ertönten Engelstrompeten und ich sehe Mutter Teresa, wie sie mir zuspricht, mich für das höhere Wohl einzusetzen. Doch ich bin von Kopf bis Fuss glatt rasiert und habe passende Unterwäsche an. Also winke ich ab. Meine Stigmata müssen warten. Not today Teresa, not today. Denn vor mir steht Jean, mein Marsriegel, in welchen ich stattdessen hineinbeissen werde.

Also scheiss auf die Dating-Standards. Scheiss auf Smalltalk. Ich hatte mich am falschen Massstab orientiert. Hier spielte etwas anderes eine Rolle.

Meine lieben Kiddos: Welcome to the One-Night-Standards. Die Richtlinien, welche lediglich darüber entscheiden, ob das Gegenüber für eine einmalige Nacht in Frage kommt oder nicht.

Es gibt eine Studie, welche beschreibt worauf eine Frau in One-Night-Standards achtet. Und ich war in diesem Fall keine Ausnahme. Jean ist ca. 1.90m gross, breite Schultern, blaue Augen und  blonde Haare, sowie ein markantes Gesicht. Eigentlich nicht mein Typ. Aber er erfüllt klassische Schönheitsideale und bestätigt die Studie. Denn wenn schon nicht der typischen Frauenspruch «IcH bIn NiChT sO eInE» zum Einsatz kommen kann, dann soll der Typ wenigstens heiss sein! Ebenfalls bestätigt es die Hypothese der «Guten Gene». Diese besagt, dass sich Frau zu diesen Körperbau-Merkmalen hingezogen fühlt, weil sie auf einen gesunden Körper hinweisen. Die klassische Herangehensweise um sicher zu gehen, dass der Mann Dich vor einem Mammut beschützen kann.   

Es sei aber vermerkt, dass diese Thesis mehr in der Selektion eines One-Night-Stands massgeblich ist, nicht aber für eine längerfristige Planung. Beim Typ Jean befürchtet man eher, betrogen zu werden. Für den Lebenspartner, mit welchem man Haus, Kind und Hund will, suchen sich Frauen eher Männer mit weichen, femininen Gesichtszügen aus. Diesen sehen Frauen als den Loyal-und-guter-Familienvater-Typ an.

Beim Mann verhält es sich bei One-Night-Standards gerade umgekehrt. Äussere Merkmale werden weniger wichtig. War ich jetzt also die Hübsche, oder war dies eine Dating-Episode mit dem Titel «Das Model und der Freak»?

Doch eigentlich spielt es keine Rolle. Denn egal was es war, gegen Ende dieses Abends würde es nur noch auf die alles-entscheidende Frage kommen: «Zu mir, oder zu dir?».

AbEr iCh bIn NicHt sO EiNe. Also lädt er mich zunächst zum Abendessen ein. Dabei finden wir immerhin eine weitere Gemeinsamkeit heraus. Wir trinken beide gerne Wein. Wie praktisch, dass Jean zu Hause noch eine gute Flasche stehen hat, welche er gerne mit mir teilen würde.

Ich willige ein und begleite ihn zu seiner Wohnung, wo wir die restliche Nacht zusammen verbringen werden. So einfach geht das, nach dem simplen Mass-Stab der One-Night-Standards. Und wonach wirst Du Dich bei Deinem nächsten Date orientieren?

In dem Sinne, stay safe and have fun.

Jeanna Bryner. (11. August 2009). Men Not Choosy in One-Night-Stands. [Web-log-Eintrag]. Aufgerufen am 01.03.21 von https://www.livescience.com/5625-men-choosy-night-stands.html

Lana Otoya. (o.J.). Five Dating Standards That Actually Matter. [Web-log-Eintrag]. Aufgerufen am 01.März 2021 von https://millennialships.com/dating-standards-that-actually-matter/

2 Kommentare zu „Aunty And The One-Night-Standards – Mutter Teresa und Mars-Riegel“

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